Risikofreude – Bist du auch lebensmüde und hirnlos?

Risikofreude

#014 – Risikofreude versus lebensmüde und hirnlos!

In der heutigen Episode geht es um das Thema Risikofreude und warum ich es für wichtig erachte im Sport und im Leben täglich neue Risiken einzugehen.

Mein Tacho zeigt 71,X km/h, so genau kann ich es nicht sehen, mein Blick ist nur für ein paar Hundertstel Sekunden auf den Tacho gerichtet. Ich sehe die 7 vorne stehen und weiß, dass es ab jetzt richtig schnell wird.

Möglichst klein mache ich mich auf meinem Renner. Den Po schiebe ich soweit nach hinten, dass mein Bauch auf dem Sattel zum Liegen kommt. Die Ellbogen nach innen abgewinkelt, berührt meine Nasenspitze den Lenker und ich spüre die unglaubliche Kraft des Fahrtwindes. Meine Windjacke jammert so lautstark, dass ich kurz überlege, ob sie das überhaupt aushalten wird. Das Atmen fällt schwer und der Renner wird auf dieser stark abschüssigen Geraden immer noch schneller.

Bewußt Lächeln

Voller Konzentration bemerke ich plötzlich meine Anspannung. Ich setzte bewußt ein Lächeln auf und versuche meine Muskulatur ein wenig zu entspannen. Es liegen noch gut acht Kilometer und somit weitere zehn Minuten rasante Abfahrt vor mir. Einige andere Radler überhole ich und habe das Gefühl, dass sie stehen. Ich fühl mich gut, die Laufräder schnurren und dann sehe ich die erste Kurve und ein Auto, das auf meiner Spur langsam einem gemütlichen Radler folgt.

Überholen schier unmöglich

Ein Überholen für Autos ist hier kaum möglich, da sehr viele Radler sowohl abwärts als auch aufwärts unterwegs sind. Es ist Samstag Mittag, bestes Wetter und es geht die Küstenstraße nach Sa Calobra hinunter. Es ist einer meiner Lieblingsabfahrten auf Mallorca. Durch die vielen Serpentinen ist sie zwar nicht die Schnellste, doch mit dem vielen Verkehr und den scharfen Turns sicherlich die Spannendste.

Bremsen jammern

Schon bin ich bei der Kurve und ich höre, wie sich die Bremsbeläge auf meine Felgen beißen. Ganz außen rechts fahre ich an und versuche dann möglichst weit nach innen zu ziehen. Damit habe ich maximalen Radius und kann schnell durchziehen. Leider habe ich vor meiner ersten Kurve mangels guter Sicht und aus Respekt viel zu viel abgebremst und ich komme nicht optimal wieder raus. Dummerweise steht das Auto jetzt auch noch vor mir!

Die Gelegenheit wird genutzt und ich ziehe mit kräftigem Pedalieren links vorbei. 1:0

„Guter Anfang“,

denk ich mir und nehme wieder Fahrt auf. Ein paar kurze Blicke ins traumhafte Tal riskiere ich dennoch und dann wartet schon das nächste Auto auf mich. Ich saug mich im Windschatten langsam an und in der kommenden Rechtskurve ziehe ich außen vorbei. „Geiles Manöver“, und ich fühle die enorme Schräglage meines Bikes. Ich presse mein ganzes Gewicht ins äußere Pedal um die Bodenhaftung zu erhöhen und durch bin ich.

2:0

Wie im Rausch geht es jetzt weiter. Als mir ein Bus entgegenkommt wird es nochmal eng, doch er läßt mir einen halben Meter Spalt zum Abgrund. Daher sehe ich keine Veranlassung zu den Bremsen zu greifen und rausche zwischen Buswand und Seitenbegrenzung durch. Nach 12 Minuten bin ich unten und atme grinsend die herrliche Meeresluft ein.

11:0 – Gute Bilanz!

Elf Autos habe ich überholt, mich keines. Leider war heute kein Bus dabei. Die hatten abwärts gerade Fahrverbot. Langsam trete ich die 700 Höhenmeter wieder hoch und genieße die Ausblicke, mache Fotos und grinse vor mich hin. War das GEIL.

Verrückt? Risikofreudig? Wagemutig? Lebensmüde? Hirnlos?

Früher habe ich über so riskante Dinge nicht gesprochen. Einfach nur genossen und fertig. Meine Frau macht sich gelegentlich Sorgen und sie will Details nicht wissen. Das respektiere ich und erzähle nur das Nötigste meiner Risikofreude. Beim alpinen Bergsteigen gab es oft brenzlige Situationen und es ist alles gut gegangen. Wozu also groß drüber reden? Der andere war nicht dabei. Er kann die Situation nicht einschätzen, nachvollziehen und deshalb macht es auch keinen Sinn mit „Horrorgeschichten“ den Partner zu verunsichern.

JA, was ich tue ist riskant!

Und das ist gut so. Ich gehe gerne Risiken ein. Sie bereichern mein Leben und machen es interessant und lebenswert. Sich bewußt einer Situation auszusetzen, die Gefahren auszuloten und dann mit meinen Möglichkeiten diese zu meistern, ist sehr reizvoll und spannend.

JA, was ich tue ist verrückt!

Viele Touren, Abfahrten, Aktionen die ich unternehme halten viele Menschen  für verrückt – ich meistens auch. Sie sind jenseits der Normalität und das ist gut so. Das macht Spaß.

JA, dazu gehört oft Mut!

Mut bedeutet Angst zu haben und es trotzdem zu tun.

Ob nun „mutig“ oder „wagemutig“. Das sind für mich sprachliche Nuancen. Bei vielen Dingen habe ich keine Angst. Dazu gehört auch eine Abfahrt nach Sa Calobra. Angst habe ich machmal vor Erstbegehungen an unbekannten Bergen.

NEIN, ich bin nicht lebensmüde oder gar hirnlos, wie manche behaupten!

Da werde ich dann in Ansätzen sauer, wenn mir Menschen, die mit 30 gestorben sind und mit 80 begraben werden vorwerfen, dass ich lebensmüde bin. „Des Lebens müde!“ Hallo! Geht´s noch!?

Eine Person, die voller Bewußtsein, seinen Körper in jeder Faser spürt, seine Umwelt mit allen Sinnen wahrnimmt und im Flow eine Straße mit dem Rennrad hinunterfährt, hat nichts mit müde zu tun. Sie ist wach und präsent. Sie steht VOLL im Leben und hat Vertrauen in sich und die Welt.

„Was hätte da alles passieren können?!“

Na super, da ist ja meine Lieblingsfrage bzw. ist es nicht eher ein Vorwurf?

Hätte, täte, Fahrradkette. Drauf geschissen, was hätte sein können weil: Ist halt genau so wie es ist.

„Aber stell Dir doch mal vor, da wäre ein Pannenauto, Ölfleck, dein Reifen Platz, die Bremse funktioniert nicht mehr, ein Stück Holz liegt auf der Straße…“. Die Liste kannst Du endlos ergänzen.

NEIN, das stelle ich mir NICHT vor. Denn es macht keinen Spaß.

Und warum sagt keiner:

Stell Dir doch mal vor, da sieht Dich einer und ist so begeistert von Deinem Fahrstil, dass er Dich als Trainer zu Höchstsätzen engagiert? Stell Dir vor, du stehst unten in der Bucht mit Deinem zufriedenen Grinsen und die Traumfrau spricht Dich an und will ein Date, weil sie Dich so strahlend und toll findet? Stell Dir mal vor, du wirst bejubelt für deine Fähigkeit, so geschickt bergab fahren zu können?

Das hat komischerweise noch nie jemand zu mir gesagt und warum?

Weil diese Menschen immer nur Katastrophen sehen, das haben sie im TV und auf Youtube gesehen, das haben sie in den Nachrichten gehört, in der Zeitung gelesen und das haben ihnen die Nachbarn und die anderen Patienten im Wartezimmer erzählt.

„Ich kenn da auch einen, der so schnell gefahren ist und jetzt ist er blablabla oder sogar tot.“

Das Leben ist riskant. Und es endet immer mit dem Tod.

Kaum einer hinterfragt die Risikofreude bei einer Autofahrt auf der Autobahn mit 130 km/h. Das ist normal geworden und gilt schon lange nicht mehr als verrückt oder riskant. Zeitgleich beantworten wir die WhatsApp und schlürfen an unserem Kaffee-Togo. Vieles ist Gewohnheit doch deswegen nicht minder riskant.

Kennt jemand folgendes Phänomen: Du fährst mit 150 auf der mittleren Spur der Autobahn und überholst grad so einen „Schläfer“, der mit ca. 90 auf der rechten Spur dahinrollt und natürlich telefoniert. Im selben Moment überholt Dich aber ein „Raser“ mit ca. 220 auf der linken Spur und weil er so ein lautes Motoren/Auspuffgeräusch erzeugt, erschrickst Du kurz und denkst Dir: „So ein Idiot, muss der so rasen? Was da alles passieren kann!“.

Eine halbe Stunde später bist Du mit 220 auf der linken Spur und überholst den Penner mit 150 und wieder eine halbe Stunde später bekommst Du einen Anruf von Deiner neuen Flamme und Du rollst auf der rechten Spur mit 90 dahin, um Dich voll dem Gespräch zu widmen.

Es ist eine Frage der Perspektive und wie weit wir offen sind und akzeptieren können, was andere machen ohne das Verhalten gleich in eine Schublade zu stecken. Es gibt nunmal nicht die richtige Geschwindigkeit für alle. Und genauso wenig gibt es sie beim Bergab-Radfahren.

Nun kommt meist der Einwand mit der „Verantwortung„.

„Du hast doch Familie!“

Jetzt schlägst aber 13! Was soll das denn bitte heißen? Dass Familienväter nur noch langsam den Berg runterrollen dürfen, weil ja was passieren kann?

Kackmist hoch drei!

Wenn die Väter endlich mal Verantwortung übernehmen würden, dann wären sie ein Vorbild für ihre Kinder und nicht ein Waschlappen, der vor lauter Angst sein Pinarello den Berg hinabschiebt. Was sollen unsere Kinder bitte lernen?

„Das Leben ist sehr riskant und wenn du immer brav versuchst, jedes Risiko zu vermeiden, dann ist das zwar super langweilig aber dafür schaffst Du vielleicht sogar 90 Jahre auf diesem Planeten zu vegetieren! Ich könnte k….. bzw. auf bayrisch sp…

Schon mal mit VERTRAUEN probiert!?

„Aber da sind noch andere Menschen unterwegs!“

Ja, das ist richtig und dessen bin ich mir jederzeit voll bewußt. Ich weiß nicht, ob sich dessen jeder Autofahrer permanent bewußt ist. Ich möchte auch nicht zwischen Radler und Autofahrer polarisieren, da ich beides bin und beide Sichtweisen gut kenne.

Die Tage bin ich auf meinem Renner wild angehupt worden, weil ich beim Rechtsabbiegen kein Signal gegeben habe. Ja, das ist richtig und ich hatte meine Gründe, denn was der Autofahrer nicht wußte, war die Tatsache, dass ich spontan rechts abgebogen bin. Ich hatte so starken und böigen Wind, dass ich bereits seit fünf Minuten nicht zum meiner Trinkflasche greifen konnte, weil ich mit beiden Händen meinen Lenker festgehalten habe um die Spur halbwegs auf der Bundesstraße zu halten. Da kam die Abbiegung wie gerufen. Vermutlich hätte es für einen kurzen Arm zur Seite gereicht. Ich gelobe Besserung.

Letzte Woche fahre ich mit dem Auto auf einer stark befahrenen Straße und muss bremsen, weil ein Radler vor mir fährt, obwohl rechts ein super Radweg ist. Beim Überholen hupe ich kurz und deute auf den Radweg. Danach frage ich mich, was der Radfahrer wohl jetzt denkt und v.a. was ihn bewogen hat, trotz Radweg auf der Straße zu fahren. Ich weiß es nicht, und beim nächsten Mal werde ich nicht mehr hupen, denn der Radfahrer hat bereits genügend Stress, wenn er die Bundesstraße wählt und nicht den entspannten Radweg.

Rücksichtnahme ist ein hoher Wert und ich vermeide jegliche Manöver, die andere bewußt in Gefahr bringen. Ein Überholvorgang ob Auto den Radler oder umgekehrt birgt jedoch immer Risiken. Da wären wir wieder beim Thema Risikofreude und Vertrauen.

Das lass ich mir dann auch nicht einreden, dass ich andere in Gefahr bringe. Das machen die schon selber, wenn Sie aufs Rad steigen oder sich hinter das Steuer setzen.

Ich handle immer situativ, weshalb es auch keinen Sinn macht, Fahrmanöver zu verallgemeinern. Und wer mich schon als Mountainbike-Guide erlebt hat, der kann bestätigen, wie weit voraus ich schaue und Gefahren für die Gruppe frühzeitig entschärfe. Bei sämtlichen Touren und Fahrtechniktrainings hatte ich keinen einzigen Unfall!

Wir dürfen wieder lernen, mit der Gefahr und dem Risiko zu leben anstatt es zu verteufeln. Es bereichert unser Leben. Hier hilft zum einen Vertrauen ins Leben aufzubauen und stetig seine Risikofreude auszubauen. Wie?

Meine Tipps dazu:

  • Risikocheck in allen Lebensbereichen – nicht nur beim Sport
  • wo spüre ich Angst und wo ist der größte Widerstand – hier bist Du richtig!
  • Schritt für Schritt das Risiko erhöhen – also nicht gleich von 0 auf 100!

Risikocheck: über den Sport und den Straßenverkehr habe ich viel gesprochen

Wie sieht es aus mit Deiner Risikofreude im Beruf? Jeder Jobwechsel eines Angestellten ist ein Risiko. Jedes neue Projekt eines Selbständigen ist ein Risiko. Die Erweiterung seines Business ins Ausland ist ein Risiko für den Unternehmer.

Risikofreude in der Partnerschaft? Spreche ich mit meiner Partnerin über meine Wünsche und Ziele wohlwissend, dass sie das erst mal nicht toll findet. Sag ich ihr, dass ich gerne das Beziehungskonzept öffnen möchte (mehr dazu auf www.melanie-mittermaier.de – Melanie ist Expertin in Sachen Liebe und offene Beziehungen)

Risikofreude im Bereich Gesundheit, bei den Hobbys, beim Umgang mit den Kindern, bei gesellschaftlichem Engagement usw.

Und wo spüre ich Angst? Wo fällt es mir schwer meine Komfortzone zu verlassen und ins Risiko zu gehen? Wo fallen mir immer wieder 100 Ausreden ein, warum ich das jetzt nicht mache? Das ist ein super Zeichen dafür, dass genau da der richtige Bereich für persönliches Wachstum besteht.

Und dann bitte nicht gleich von 0 auf 100!

Dein Körper, dein Geist und dein Umfeld darf sich an deine neue Risikobereitschaft gewöhnen.

Keine Limits – doch immer mit der Ruhe.

Wenn Du nie über Deine Sehnsüchte im Alpinismus gesprochen hast und gelegentlich auf den Hirschberg gehst, dann erkläre Deine Frau Schritt für Schritt, dass Du auf den Mount Everest willst. Erzähl von neuen Bergabenteuern, von Bergen außerhalb Europas, von höheren Bergen, von Nepal-Trekking, vom Basislager und lass Dir Zeit. Schließlich rennst Du ja auch nicht an einem halben Tag hoch.

Und vor allem, erzähl es immer und immer wieder.

Denn auch hier gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Wir Männer sind Abenteurer und jedes Abenteuer birgt Gefahren und Risiken. Wir dürfen wieder lernen, besser damit umzugehen und uns nicht von Scheintoten einreden lassen, dass wir lebensmüde oder sogar hirnlos sind.

Dieser Artikel endet mit zwei Zitaten von Dylan Samarawickrama aus seinem Buch „Am Ende der Strasse“.

Es ist eines der besten und inspirierendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Eine echte Empfehlung für Menschen, die ein Abenteuer planen und Sehnsucht nach fremden Ländern verspüren.

„Eine positive Einstellung ist besser als ein großartiger Plan“

„Wenn Du etwas Riskantes tust, verlass Dich einzig auf Dich selbst“

Posted on 17. April 2017 in Allgemein

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