Skilehrer in Ischgl – viel Schnee, Sonne, Sex und Sauferei

Skilehrer

#015 – Skilehrer in Ischgl – aus dem Nähkästchen geplaudert

Was auch immer Du an Vorurteilen und Klischees über Skilehrer hast – in Ischgl ist alles noch krasser!

Ein kleiner Rückblick auf einen meiner besten Winter. Angefangen hat alles in der Khao San Road. Wer sie nicht persönlich kennt, dem nützt Wikipedia nur bedingt. Wir sind zu dritt und es ist Sommer 1994. Meine Ex, mein bester Spezl und ich sind mit den Rucksäcken in Asien unterwegs. Sie seit einer Woche, mein Spezl seit fünf Monaten und ich seit acht Monaten. Wir warten auf den Bus, der uns gemeinsam in den Norden Thailands bringen soll. Die Stimmung ist ziemlich angespannt und es liegt nicht an den Asiaten 🙂

Mein Kumpel zieht mich mit krauser Stirn auf die Seite und sagt nur kurz. „Das langweilt mich!“ – was bedeutet, dass er tierisch genervt ist. „Ich bin raus – wir sehen uns in zwei Wochen in der Khao San Road!“

„Alles klar“ erwidere ich gelassen und blicke ihm nach, wie er in das nächste Tuktuk steigt und im Abgasnebel Bangkoks verschwindet.

Zwei Wochen später sehe ich ihn enthusiastisch mit einem Jeanshändler feilschen und als er mich wahrnimmt, umarmen wir uns herzlich und gehen erstmal Mekhong trinken. Es gibt viel zu erzählen und wir genießen die Zeit zu zweit. Wie ein Schwamm sauge ich seine und er meine Storys auf. Ja, das ist halt reisen. Ich berichte vom Elefantenreiten und von der krassen Floßfahrt und der Jungelübernachtung und er erzählt mir von der Insel, geilen Stränden, von zwei dichten Ösis und von ISCHGL.

„Wie bitte?!“ – „Du hast was?!“ – entgeistert schaue ich ihn an. Und als er freudestrahlend nickt, weiß ich, daß er es ernst meint.

„Vielleicht wirds ja nichts aber ich fand das eine gute Idee“, schmunzelt er.

Immer noch irritiert trinke ich einen großen Schluck Whiskey und ein Grinsen macht sich breit. Liegts am Alkohol oder an der Vorstellung bereits im Dezember als Skilehrer in Ischgl die Pisten und die Bars unsicher zu machen?

Die zwei Österreicher waren das Jahr zuvor schon dort, haben geschwärmt ohne Ende und mein Spezl hat ihnen kurzerhand alle Daten von uns samt Passfoto mitgegeben, damit diese für uns die Bewerbung schreiben können. Drei Wochen später hatte ich schon Post vom Skischulbüro mit der Zusage. Ich habe nie erfahren, was in meiner Bewerbung stand. Sie haben es mir auch nie gesagt.

„Oh Ischgl, du mein Traum!“ – oder Alptraum?

Nach über fünf Monaten Paznauntal und 110 Skitagen läßt sich ein ganzes Buch füllen. In diesem Beitrag geht es ausschließlich um den Sport – also den Skisport, den Trinksport und den Matratzensport.

Laut dröhnt die Gitarre von Greenday über den Hang, die Sonne scheint und wir sitzen an unserem freien Tag im Schnee und vernichten die flüssige Beute, die wir vormittags zollfrei in Samnaun gekauft und über die Grenze geschmuggelt haben. Leicht benebelt nehme ich Anlauf und teste die gerade eben fertig gestellte und viel zu steile Schanze. Sie bricht, ich detoniere im Schnee und alle lachen.

Der Wickinger, so nennen wir den fast zwei Meter großen Dänen, macht sich bereit. Die Schanze wird flacher und stabiler. Anlauf uuuuuuund: Einschlag – wieder lachen alle.

Es ist lustig und ausgelassen, die ganzen Ausländer – und das bist Du in Ischgl bereits kurz hinter dem Ortsschild – sitzen zusammen. Es wird englisch, deutsch, dänisch, holländisch, schwedisch, finnisch und ösi gesprochen. Alle sind sie von weit gekommen, um hier in Ischgl als Skilehrer zu arbeiten. Fast alle von uns wohnen im gleichen Haus, bis auf die, die seit letztem Jahr dort Hausverbot haben. Dazu gehören natürlich auch unsere zwei Wiener aus Bangkok.

Wir prosten einander zu und jeder darf sich an der Schanze versuchen. Gekürt wird nicht der weiteste Sprung sondern die lustigste Performance. Viel zu spät bemerke ich, daß meine Schicht in der Après-Ski Bar beginnt. Ich bin dort seit einigen Tagen Gläser-Abräumer – und das zweimal die Woche.

Zuerst habe ich gar nicht gejobbt, dann einen Tag und nun zwei Tage. Jetzt erst reicht das verdiente Geld, um die enormen Ausgaben hier zu decken. Schließlich will ich ja nach einem halben Jahr nicht mit einem Minus rauskommen.

Unter Gejohle und Gemotze verabschiede ich mich um kurz nach Mitternacht aus unserer Lieblingsbar. Heute will ich früher ins Bett – für den nächsten Tag ist eine Sonnenaufgangstour geplant.

Als ich um fünf in der Früh das Haus verlasse kommt mir der Wickinger samt schwarzhaariger Beute entgegen. Ein paar dumme Sprüche in der Tür und ich marschiere zur Piste. Über die geht es im Schein der Stirnlampe aufwärts und später durch den Wald bis auf den Gipfel. Um kurz vor acht steh ich am Kreuz und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen und v.a. den gigantischen Weitblick.

Geil – vor der Arbeit noch eine super Tour und eine traumhafte Abfahrt. Als ich um 10:30 grinsend meine neue Anfängergruppe in Empfang nehme und zum Übungshügel gehe, ist die Welt mehr als in Ordnung. Müde bin ich, aber das merken die Novizen nicht. Die sind so aufgeregt und nach zwei Stunden völlig platt. Die Stunde Mittagspause nutze ich mit einigen Kumpels zum Fahrtechniktraining und esse meine Semmel im Sessellift. Punkt 15:30 liefere ich die Anfänger wieder an der Gondel ab und gebe nochmal Vollgas.

Treffpunkt 16:00 Pardatschgratbahn zum gemeinsamen Skilehrer-Downhill

Jetzt wird`s ernst! Nochmal alle Kräfte sammeln und ab geht es. Jetzt ist nicht nur Geschwindigkeit gefragt (der letzte zahlt die erste Runde) sondern bella figura ist angesagt. Schließlich trägst Du das Skilehrergewand und das verpflichtet. Öffentliche Stürze in der Tracht – im schlimmsten Fall unter der Seilbahn – sollen schon zu Kündigungen geführt haben. Zumindest hat es vier Wochen Kinderskikurs mit Mittagsbetreuung zur Folge. Und das will wirklich keiner!

Meist fahren wir abseits der Piste, bevorzugt durch die Lawinenverbauungen. Sehr zum Ärger der Skischulleitung, denn das ist uns natürlich verboten – also in Tracht zumindest! Dann stehen wir wieder Spalier im Büro, hören uns eine Moralpredikt an und verweisen darauf, dass es ein anderer Kollege gewesen sein muss. Dass sich die Menschen so ähneln in diesen Anzügen 🙂

Die Mischung aus Skifahren und Party fand ich zu dieser Zeit sensationell und so habe ich mich in dem knappen halben Jahr nur kurz zu Weihnachten und mal im Frühjahr zu Hause blicken lassen. Es waren dann 110 Skitage und davon fast jeder äusserst intensiv.

Vor Ischgl dachte ich, dass ich ganz gut Skifahren kann. Dieser Irrtum trat bald zu Tage und ich habe ihn in Ehrgeiz verwandelt. Zusammen mit einem befreundeten staatlichen Skilehrer habe ich viel trainiert und mich ständig verbessert.

„Jeder unbewußte Schwung ist Verschwendung“,

hat er damals zu mir gesagt. Ich war Anfang Zwanzig und wollte der Beste werden. Als wir dann unsere letzte gemeinsame Talabfahrt Ende April zelebrierten, waren wir beide sehr stolz auf meinen Fortschritt. Er als Lehrer und ich als Schüler.

Herzlichen Dank für Deine Unterstützung.

Gelegentlich haben mich Freunde besucht – allerdings hatten die mehr Spaß beim Après-Ski als auf der Piste. Zu krass war der fahrtechnische und konditionelle Unterschied geworden. Doch selbst beim Saufen hatten sie Probleme mitzuhalten. Leider. Auch aus meiner Sicht.

So sehr meine Muskeln am Oberschenkel wuchsen, so sehr war mein Gesicht aufgedunsen vom Alkohol.

Ischgl war extrem – ich war extrem.

Wir passten gut zusammen. Ich konnte der Sonne und dem Schnee nicht widerstehen und genauso wenig den anderen Dingen, die es im Überfluss gab.

Der 1.Mai rückte näher und mit ihm der mittlerweile heiß ersehnte Saisonabschluss. Er war unspektakulär. Ein letztes Bier im Kuhstall, keine Wehmut, kein Schmerz und plötzlich war ich daheim in München.

Was jetzt?

Ausnüchtern, viel Sport treiben und vielleicht endlich was vernünftiges Arbeiten? Doch was könnte das sein? Planlos führte ich meine Skilehrerbräune im Freibad zur Schau und genoß das Leben.

Ischgl Du mein Traum – Geil wars.

Skilehrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Platz beim Indoor-Riffler-Downhill (Vom zweiten Stock bis zur Haustür!)

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Posted on 1. Mai 2017 in Allgemein

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